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Operation – bloß nicht !?

blossnicht

Immer wieder kommen Patienten in unserer Praxis, die große Angst vor einer Operation an der Wirbelsäule haben. Oft sind diese Ängste eher unspezifisch. Die Patienten berichten davon, dass ihnen Angehörige oder Hausärzte von einer Operation abgeraten hätten. Man solle sich erst operieren lassen, wenn es „gar nicht mehr geht“ oder wenn Lähmungen aufgetreten sind. Außerdem würde man ja immer wieder lesen, dass zu viel operiert wird und viele Operationen an der Wirbelsäule gar nicht nötig seien. Fragt man diese Patienten, wovor sie konkret Angst haben, dann nennen sie häufig die Sorge um eine Querschnittslähmung oder fortbestehende Schmerzen. Immer wieder wird auch eine postoperative Narbenbildung diskutiert, die für solche Komplikationen verantwortlich gemacht wird.

In unserem Blog haben wir in einigen Geschichten von diesen Argumenten geschrieben. Oft sind diese Ängste völlig übertrieben. Tatsache ist, dass eine Operation in vielen Fällen eine erfolgreiche Therapie bei ansonsten nicht zu bessernden Beschwerden darstellt. Natürlich ist eine konservative Behandlung in der Regel zu bevorzugen. Wenn jedoch das Beschwerdebild auf diesem Wege nicht ausreichend gebessert werden kann, dann sollte eine Operation ernsthaft als Option in Erwägung gezogen werden und darf nicht „dämonisiert“ werden. Viele Meinungen über Wirbelsäulenoperationen sind nämlich reine Vorurteile, Gerüchte und Legendenbildungen.

Wie sehen die Fakten aus: In zahlreichen Veröffentlichungen ist bei verschiedenen Wirbelsäulenerkrankungen die konservative mit der operativen Therapie verglichen worden. Leider gibt es dazu nur wenige randomisierte Studien, also solche, bei denen die Therapie quasi per Zufall einem Patienten zugeordnet wird. Nur dann kann man einen echten Vergleich zwischen den Therapieverfahren ziehen. Warum es nur wenige Studien dieser Art geben kann, liegt auf der Hand: Patienten kann in der Regel nicht zugemutet werden, sich einer „zugelosten“ Therapie zu unterwerfen, sondern sie möchten zu Recht selbst entscheiden, ob sie operiert werden oder nicht.

Trotzdem gibt es zum Beispiel für die Spinalkanalstenose (Wirbelkanalverengung) eine randomisierte Studie, die den Erfolg der Behandlung bis 4 Jahre nach der Therapie untersucht hat. Dort fand sich eine deutliche Überlegenheit der operativen Therapie gegenüber der konservativen Behandlung. Bis zu 90% der Patienten gaben nach einer operativen Erweiterung des Wirbelkanals eine erhebliche Besserung der Beschwerden an. Erneute Operationen gab es nach 2 Jahren bei 8% der Patienten, nach 4 Jahren bei insgesamt 13%. (siehe: Weinstein JN, Spine 2010, Jun 15, 35(14), 1329-38).

Für manche Erkrankungen der Wirbelsäule ist die Datenlage nicht so eindeutig. Zum Beispiel ist die Frage nach dem Nutzen einer Spondylodese (Wirbelsäulenversteifung) nicht eindeutig geklärt. Das heißt, dass ein wesentlicher Vorteil einer solchen Operation bei einem Wirbelgleiten noch nicht nachgewiesen werden konnte.

Wegen dieser Umstände ist es schwierig, wissenschaftlich gut begründete Aussagen zur optimalen Therapie bei Wirbelsäulenerkrankungen zu machen. Das gilt für diejenigen Ärzte, die gern zu Operationen raten, genauso wie für die Kollegen, die stets vor Operationen warnen. Streng genommen haben beide Unrecht!

Was kann der Patient in dieser Situation nun tun? Aus unserer Sicht ist die Frage am besten zu beantworten, wenn man ganz pragmatisch an das individuelle Krankheitsbild herangeht. Dabei kann man sich folgende Grundsätze zu eigen machen:

  1. Die konservative Therapie ist einer Operation in der Regel zunächst vorzuziehen.
  2. Wichtige Bedingung für die Durchführung einer Operation ist das Vorliegen einer Störung, die im Röntgen-, CT- oder MRT-Bild nachgewiesen ist und die durch die geplante Operation auch behoben werden kann. (Die Operation muss also zur Behebung der Störung geeignet sein.)
  3. Bei schwerwiegenden Symptomen (z.B. unbeherrschbar starke Schmerzen, relevante neurologische Ausfälle, Lebensgefahr etc.) sollte eine geeignete Operation als Behandlungsoption favorisiert werden.
  4. Wenn eine konservative Therapie nach ausreichend langer Zeit keine zufriedenstellende Besserung erzielen konnte, sollte die Durchführung einer geeigneten Operation erwogen und möglichst vorurteilsfrei abgewogen werden.

Wenn diese Grundsätze beherzigt werden, kann jeder Patient zusammen mit dem Arzt seines Vertrauens die für ihn in der jeweiligen Situation beste Therapie finden.

In den letzten Jahren haben das Bundesgesundheitsministerium und auch die Krankenversicherer zunehmend das Instrument der ärztlichen Zweitmeinung propagiert. Das Einholen eines ärztlichen Rats von einem weiteren Therapeuten ist ein zweifellos sinnvoller Schritt zur richtigen Therapieentscheidung. Wir möchten hier für die Patienten aber auf einen Aspekt hinweisen, den man in diesem Zusammenhang bedenken sollte.

Das Sprichwort „Wer einen Hammer hat, sieht Nägel.“ drückt etwas grob eine menschliche Neigung aus, die auch Ärzte in der Beratung von Wirbelsäulenpatienten nicht von sich schieben können. Ein Chirurg ist in Gefahr, tendenziell eher nach einer operativen Lösung für das Problem seines Patienten zu suchen, da er diese Lösung selbst anbieten kann. Ein niedergelassener nicht operativ tätiger Kollege wird wiederum überwiegend Therapien anbieten, die in seiner Praxis durchgeführt werden können. Ein Radiologe wird zwangsläufig dazu neigen, in seinem Befund zum Beispiel die Möglichkeit einer PRT-Behandlung (radiologisch gesteuerte Infiltration im Bereich einer Nervenwurzel) zu erwähnen.

Wenn ein Patient also von seinem Arzt die Empfehlung zu einer Operation bekommen hat und er sich eine Zweitmeinung einholen möchte, so ist die Auswahl des zweiten Arztes mitentscheidend darüber, welchen zweiten Rat der Patient erhält. Wenn sich der Patient noch nicht sicher ist, ob eine Operation überhaupt durchgeführt werden sollte, so macht eine zweite Meinung vor allem von einem konservativ tätigen Arzt Sinn. Wenn jedoch der Patient bereits weiß, dass er sich operieren lassen möchte, er aber noch Zweifel an dem vorgeschlagenen OP-Verfahren hat, so sollte die zweite Meinung von einem anderen Chirurgen eingeholt werden.

Wie sie sehen, ist die Suche nach der „richtigen“ Therapie für den Patienten und auch für den Arzt ein komplexes Unterfangen. Wichtig ist in diesem Prozess aber in jedem Fall das gute Vertrauensverhältnis und die transparente und nachvollziehbare Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Dann kann der Weg zur Besserung gut gelingen.

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